34+5 – Ein Erfahrungsbericht

Im August 2016 ist unser Sohn Finn geboren. Er wog 2100 Gramm und war 43 Zentimeter groß. Er ist in der 34 SSW auf die Welt gekommen. Aber dazu später mehr.

Seit der 21 SSW wissen wir, dass unser Sohn eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte hat. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Schwangerschaft problemlos verlaufen.
Es sollte ein ganz normaler Ultraschalltermin werden. Mein Mann und ich sind wie immer gemeinsam zu diesem Termin gegangen. Während der Untersuchung erklärte uns die Gynäkologin, dass sie eine Lippenspalte bei unserem Sohn vermutet. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt und es gingen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Aufgrund meines beruflichen Hintergrundes waren diese Gedanken sehr weitreichend. Eine Überweisung zur weiteren Pränataldiagnostik sollte Klarheit bringen. Fünf Tage später hatten wir die Gewissheit und der erste Befund wurde bestätigt. Wie ausgeprägt eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte ist, lässt sich erst nach der Geburt feststellen.

Die Tage bis zur Geburt verbrachten wir ganz unterschiedlich. Meinem Mann hat es sehr geholfen sich „Vorher-Nachher-Bilder“ im Internet anzuschauen. Es hat ihn sehr beruhigt, dass die Medizin inzwischen soweit ist, dass später fast nichts mehr sichtbar ist.
Dieser konfrontative Umgang damit war für mich erst mal nichts. Ich war mit mir selber total beschäftigt und fühlte mich um ein „normales“ Kind betrogen. Warum wir? Nach einer kurzen Schockphase wollte auch ich mich näher damit beschäftigen und wir haben uns Literatur besorgt und im Netz recherchiert.

Die 2. Hälfte der Schwangerschaft war aus meiner Sicht betrachtet sehr belastet. Ich habe mich mit Problemen beschäftigt die aufgrund der Spalte entstehen können. Ist der Gaumen auch betroffen? Falls ja kann er wohlmöglich nicht richtig trinken und braucht eine Gaumenplatte. Das Stillen ist dann auch nicht möglich, oder nur mit einem sehr hohen Aufwand. Zudem hatte ich ein Buch was im Nachhinein für mich leider keine Hilfe war sondern bei mir einen großen Druck aufgebaut hat.
Die Gedanken kreisten auf jeden Fall immer um diese Fehlbildung und die Freude auf das ankommende Glück war sehr getrübt.

In der 34 SSW traten plötzlich Komplikationen auf und Finn musste mit einem eiligen Kaiserschnitt auf die Welt geholt werden. Innerhalb von einer knappen halben Stunde waren wir plötzlich Eltern.
Ich werde den Blick von Finn nicht vergessen. Der wollte noch nicht. Der war noch nicht fertig.
Dann war er aber auch schon wieder weg und wurde durch die Kinderärzte und die Hebamme versorgt. Mein Mann durfte kurz zum ihm bevor er in die Kinderklinik verlegt wurde.
Da standen wir nun. Eltern geworden aber ohne Kind. Zu dem Zeitpunkt war seine Spalte völlig nebensächlich geworden und andere lebensnotwendige Hilfestellungen traten in den Vordergrund.

Nach einer gefühlten Ewigkeit konnten wir Finn dann in der Kinderklinik besuchen. Das Bild nach der Geburt hatten wir uns anders vorgestellt. Angeschlossen an piepsende Geräte, mit einer Magensonde und einer Beatmungsmaske versorgtes Kind. Der Anblick ist gewöhnungsbedürftig.
Der erste Kontakt findet durch ein Armloch im Inkubator statt. Auch das hatten wir uns anders vorgestellt. Am liebsten hätten wir dauerhaft unsere Hand durch das Armloch gesteckt.
Ab dem folgenden Tag durften wir mit unserem kleinen Sohn stundenlang kuscheln und die ersten Stunden/Bilder nach der Geburt verblassten mit jeder Stunde, die wir mit Finn verbringen konnten. Wir wurden immer sicherer im Umgang mit ihm und seinen medizinischen Apparaten.

Es stellte sich heraus, dass der Gaumen nicht betroffen ist und Finn ohne eine Gaumenplatte trinken kann. Die Nahrungsaufnahme wurde von Tag zu Tag besser und Finn konnte seine Magensonde abgeben.
Insgesamt waren wir 3 Wochen in der Kinderklinik in Ahlen. Die Zeit dort war eine emotionale Achterbahnfahrt, die von den Ärzten, vom pflegerischen Personal und von Familie und Freunden auf sehr einfühlsame Art und Weise begleitet wurde. Das empfinden wir bis heute nicht als selbstverständlich und sind dankbar auf diese Menschen getroffen zu sein.
Mit ca. sechs Monaten haben wir die Lippenspalte verschließen lassen. Finn hat diesen Eingriff gut überstanden und der Mund- und Lippenbereich ist nicht mehr so sensibel, wie er es nach der Operation war.

Finn ist einer kleiner Kämpfer, der einen Willen hat und sich nicht entmutigen lässt. Wir sind stolz auf das, was er bisher geschafft hat und werden ihn weiter mit viel Liebe begleiten.

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